Auf ein Wort

 

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Miteinander Juni 2019

 

Gedankenanstoß für Juni 2019

Ein Wort vorweg

Freundliche Reden sind Honigseim,
süß für die Seele und heilsam für die Glieder.
                                                                                                                             Sprüche 16,24

Es war in den letzten Kriegstagen. Die Russen hatten unsere Kleinstadt Neuruppin vor den Toren Berlins, schon befreit. Sie versuchten, eine zivile Ordnung einzurichten. Alle Ängste der Stunde Null wichen langsam. Und so traute ich mich vor die Tür. Auf der Straße ratterte mir langsam ein mächtiges Kettenfahrzeug entgegen. In der geöffneten Luke stand hoch erhoben der Kommandant dieser Kontrollfahrt. Als er mich sechsjährigen Pöks am Hauseingang wahrnahm, rief er mir etwas zu – und vor meinen Füßen landete eine Tafel Schokolade. Das ging alles so überraschend schnell, dass ich mich vor lauter Glück nicht einmal winkend bedankt habe. Diese Begegnung mit einem damals so genannten ”Feind” war für mich sehr nachhaltig. Auch wenn der russische Offizier vielleicht aus irgend einer sentimentalen Erinnerung an sein Zuhause gehandelt haben mag, so hat er mir doch mit seiner ”hochwirksamen” Geste die ganz andere, die mitmenschliche oder sogar religiöse Prägung vieler seiner Landsleute offenbart.
Etwa zwanzig Jahre später. Die Ev. Jugend-Allianz in Bremen thematisiert den Frust der Nachkriegsgeneration mit einer Evangelisation in der Glocke. Straßenbahnblockaden der Schüler in Bremen und studentische Unruhen, ”die frühen 68ziger”, sind Anlass genug. Fast jede Veranstaltung in der Glocke wird lautstark gestört. Nach einer der letzten Abende kommt der aggressivste Störenfried zu uns Chorsängern hinter die Bühne. ”Ich muß mich bei Euch entschuldigen”, sagt dieser Gymnasiast. ”Ich kann nicht mehr gegen Euch agitieren. Einer von Euch hat mir eine Tafel Schokolade geschenkt, was ich von meinen Leuten nie bekommen habe. Wer mir wohltut, kann nicht mein Feind sein.”
”Freundliches Reden” geschieht oft auch ohne Worte in einer bewußten Zuwendung. Dabei erschließt sich ”Freundlichkeit” oft nur dem Angesprochenen selbst, und natürlich besonders dann, wenn damit noch weitere Gesten verbunden sind. Auf jeden Fall spricht die biblische Weisheit von einem Wandlungsgeschehen. ”Honigseim” bezeichnet eine dickflüssige, wenn nicht sogar eine gehärtete Konsistenz, deren vollständige Süß- und Heilkraft sich erst nach einer bestimmten Einwirkung entfaltet. So gehen ”freundliche Reden” eben oft nicht ”runter wie Öl”, sondern brauchen Zeit.

Gott hat uns mit seinem Wort einen unermesslichen Reichtum geschenkt, den wir niemals ausloten können, und der angefüllt ist mit seinem Wohlwollen für jeden Einzelnen. Gott redet noch! Bin ich bereit, sein Reden auszuhalten, mir die nötige Zeit zu nehmen? Dann wird auch mein Denken, Reden und Tun immer wieder neu und eine ”Arznei” (Menge 1940) für meine Umgebung.

 

Ihr/Euer

Gotthold Schmidt